Der Tag, an dem sie ging.

Meros lag auf dem Bauch, die Wange ins weiche Kissen gedrückt. In seiner Faust ruhte ein kleiner Wyvern aus Zedernholz – seine Mutter hatte ihn gestern Abend geschnitzt, während draußen der Wind um die Palastmauern heulte. Winzige Schuppen liefen über die Haut des seltenen Tieres, leicht mit der Fingerkuppe ertastbar.
  Er drehte den Wyvern vorsichtig im schmalen Lichtstrahl, betrachtete ihn von allen Seiten. Das Holz war warm, fast lebendig. »Du bist noch klein«, murmelte er dem Drachen zu, so leise, dass die Worte nur die kleine Figur erreichten. »Aber wenn du groß bist, fliegst du höher als die Falken des Kaisers.«
  Er strich mit dem Daumen über die angedeuteten Flügel. Es war, als könnten sie sich jeden Moment entfalten, wenn er nur lange genug wartete oder fest genug daran glaubte. In den Geschichten seiner Mutter waren solche Wunder möglich.
  Ein Geräusch zerriss die Stille. Hastige Schritte, gefolgt von einem leisen Schluchzen, das sofort wieder unterdrückt wurde.
  Meros hob den Kopf – nur ein Stück – und warf durch die langen Wimpern einen Blick auf sie.
  Seine Mutter.
  Sie bewegte sich durch den Raum wie ein Schatten. Ihre Hände öffneten die Kleidertruhe aus Ebenholz, zogen eilig Kleidungsstücke heraus. Zum Beispiel das Tuch mit den silbernen Fäden, das sie nur an hohen Festtagen trug. Oder das feine Leinenkleid, das stets nach Lavendel roch. Eilig warf sie die Kleidung in eine kleine Ledertasche, die schon auf dem niedrigen Tisch gestanden hatte, als hätte sie die ganze Zeit gewartet.
  Kurz darauf trat sie ans Fenster.
  Sie legte die Stirn gegen das bunte Glas – Rot, Blau und Gold in winzigen Quadraten – und wirkte dabei so … unsagbar traurig. Ihr Atem ging schnell, während ihre Schultern bebten.
  Der Wyvern lag plötzlich kalt in Meros‘ Hand.
  »Mutter?«
  Das Wort kam dünn aus seiner Kehle, fast zerbrechlich.
  Was war mit ihr? So hatte er sie noch nie erlebt.
  Sie drehte sich ruckartig zu ihm. Für einen Atemzug war ihr Gesicht verletzlich – die Augen groß vor Schreck und etwas anderem, das Meros nicht verstehen konnte. Noch im gleichen Moment kam das Lächeln zurück, das immer alles in Ordnung brachte, auch wenn es diesmal wackelte wie eine Kerzenflamme im Wind.
  Eilig kam sie zu ihm, kniete sich hin. Das nachtblaue Kleid fiel in schweren Falten um sie. Sanft schlossen sich ihre Finger um seine Hand mit der Holzfigur.
  »Meros«, sie strich unwirsch ihr schwarzes Haar zurück. »Ich … habe keine Zeit mehr.«
  Statt auf ihre Worte zu achten, hielt er ihr erwartungsvoll die Figur hin.
  »Schau. Die Flügel … sie werden bald richtig schön sein, wenn du mit ihnen fertig bist. Machst du ihn später fertig?«
  Ihre Augen wurden dunkel vor Tränen, die sie offenbar mit aller Macht zurückhielt. Bebend zog sie ihn an sich, presste ihn so fest gegen ihre Brust, dass er ihren schnellen Herzschlag spürte.
  »Mein kleiner Wyvernreiter«, flüsterte sie in sein strubbeliges, schwarzes Haar. »Das … geht leider nicht. Meros … du wirst immer wissen, wo ich bin, ja? Versprich es mir. Tief in dir … wirst du wissen, dass ich bei dir bin …«
  Er nickte zögernd gegen ihre Schulter, obwohl er nicht verstand, warum sie das fragen musste. Natürlich wusste er, wo sie war. Sie war hier. Hier, bei ihm.
  Er nahm die ungewohnte Nässe in seinem Haar wahr, als sie sich auch schon von ihm löste.
  Sich über das Gesicht wischend erhob sie sich, ging mit drei schnellen Schritten zum Tisch, nahm ein Pergament und einen Federkiel. Ihre Hand zitterte so stark, dass ein Tropfen Tinte fiel, bevor sie die ersten Worte schrieb. Nur ein paar hastige Zeilen. Sie faltete es nicht einmal, legte es einfach mitten auf den Tisch.
  Zu gerne hätte Meros gelesen, was darauf stand, aber sein Unterricht würde frühestens im nächsten Frühling beginnen – vielleicht schon im Winter, wenn er weiter hartnäckig darum bat.
  Noch während er so vor sich hin sinnierte, nahm sie die Tasche, legte den schweren Lederriemen über die Schulter. Kurz sah sie zu ihm. Nur einen Herzschlag lang.
  Kein Wort mehr. Kein Kuss oder letztes Streicheln. Nur dieser Blick – voller Liebe und Abschied, den ein fast Vierjähriger nicht verstehen konnte.
  Damit drehte sie sich um, ging eilig aus dem Raum und ließ ihren einzigen Sohn allein in den Gemächern zurück.
  Eine unendlich schwere Stille folgte.
 Er saß da, starrte auf die Tür, hinter der seine Mutter soeben schluchzend verschwunden war. Das bunte Licht der Fenster wanderte langsam weiter, wurde von Minute zu Minute blasser.
  Ihm war es egal, er wartete.
  Eine Minute. Zehn. Eine Ewigkeit für ein Kind – doch die Tür blieb zu. Es war das letzte Mal für lange Zeit, dass Meros seine Mutter sah.