Drei chaotische Freunde

Der Markt war ein lebendiges, chaotisches Durcheinander.
  Hunderte Stimmen prallten gleichzeitig auf Shiro ein – schreiende Händler, die ihre Waren anpriesen, als hinge ihr Leben davon ab, das helle Lachen von Männern, das metallische Klirren von Münzen, das schwere Aufsetzen von Körben und das ständige Scharren von Schuhen auf staubigem Erdboden. Die Luft war schwer von all den Gerüchen: scharfer Kreuzkümmel und Zimt, beißender Rauch von offenen Feuern, leckeres, frisch gebackenes Brot und darunter der erdige Duft von Schweiß und zu vielen Körpern auf einem zu engen Platz.
  Shiro, der jüngste Sohn des Kaisers, hielt den Blick gesenkt, die Schultern leicht hochgezogen, als könnte er so unauffälliger werden. Er bewegte sich vorsichtig zwischen den Ständen hindurch und genoss, trotz des Versteckspiels, jede gestohlene Minute auf dem Markt, auf dem er endlich ein Niemand war. Es war sein erster Ausflug in das nahe gelegene Dorf am Fuße des Palastes, und die Freiheit schmeckte so süß, wie verboten.
  Ein Schritt nach links. Jemand streifte seine Schulter – grob, ohne Entschuldigung. Ein Schritt nach rechts. Eine Frau mit einem riesigen Korb voller Granatäpfel drängte sich an ihm vorbei und fluchte verhalten.
  Als er einem besonders auffallenden Mann nachsah – lange dunkle Haare, die im Sonnenlicht schimmerten, ein dunkles Lachen, das über die Menge hinwegflog – hatte er für einen winzigen, unachtsamen Moment die Umgebung vergessen. Sein Blick war ihm gefolgt, hatte diese markante Persönlichkeit aufgesogen, während er schließlich zwischen den Ständen verschwand. Nur ein kurzer, menschlicher Moment der Ablenkung und genau in diesem Augenblick stieß er hart gegen jemanden.
  Shiro taumelte einen halben Schritt zurück, spürte die unnachgiebige Brust des anderen unter dem dünnen Stoff.
  »Pass doch auf, wo du hinläufst«, knurrte eine tiefe Stimme, scharf wie eine frisch geschliffene Klinge.
  Langsam hob Shiro den Blick.
  Vor ihm stand ein junger Mann, vielleicht drei, vier Jahre älter als er. Schwarzes, leicht zerzaustes Haar fiel ihm in die Stirn, darunter Augen, die so dunkel waren wie die Nacht über den Bergen. Sein Gesicht war kantig, die Kiefermuskeln angespannt, die Schultern nach vorne geschoben, als wäre sein ganzer Körper jederzeit bereit, zuzuschlagen. Eine kaum verhohlene Aggression lag in seiner Haltung und der Prinz wich unauffällig einen Schritt zurück.
  Hauptsache keinen Ärger machen.
  »Oh … es tut mir leid. Aber wenn wir ehrlich sind … standest du im Weg«, sagte er, bevor er sich bremsen konnte.
  Ein Fehler.
  Der Blick des Fremden veränderte sich. Nicht viel. Nur ein kaum merkliches Verengen der Augen, ein gefährliches Aufblitzen. Die Luft zwischen ihnen schien schlagartig dicker zu werden und mit einem Mal verschwammen die Menschen um sie herum zu einem farblosen, bedeutungslosen Rauschen – Stimmen, Schritte und Bewegungen, die sich nach und nach auflösten.
   »Ich stand im Weg?«
  Shiro hob die Hände in einer halbherzigen, lässigen Geste. »Es ist ein Markt. Hier … sind viele Leute. Wenig Platz und … naja, du weißt schon …«
»Du kommst nicht aus dem Dorf.«

   Keine Frage. Eine kalte Feststellung.
  Langsam verzog Shiro den Mund zu einem schiefen Lächeln, das seine Anspannung kaum verbarg.

   »Fällt das so sehr auf?«
   »Ja.«
  Der Fremde machte einen bedächtigen Schritt auf ihn zu und Shiros Magen zog sich augenblicklich zusammen – es war keine Angst, die ihn durchfuhr, eher Vorsicht, die seine Muskeln zum Vibrieren brachte. Er war schneller. Stärker. Besser ausgebildet, aber das hier war kein Übungsplatz. Hier gab es Zeugen. Zu viele Augen und zu viele Zungen, die später darüber reden würden, und eigentlich hatte er vor, einen Besuch wie diesen zu wiederholen.
  »Ich habe keine Geduld für Typen, die glauben, sie können hier einfach auftauchen und –«
  Shiro spannte sich an, bereit. Doch genau in diesem Moment schnitt eine unbeschwerte Stimme durch die Spannung.
   »He! Wenn du ihn noch eine Sekunde länger so anstarrst, fällt er noch in Ohnmacht. Ist es etwa das, was du willst?«
  Der aggressive Typ hielt mitten in der Bewegung inne.
   Neben Shiro stand ein großer, junger Mann mit rundlichem, unrasiertem Gesicht und einem breiten Grinsen. Ein schwerer Korb mit frischem Gemüse hing an seinem Arm, seine Augen funkelten vor Vergnügen.
  »Und das wäre wirklich schade«, fuhr er fort, »weil ich gerade angefangen habe, mich zu fragen, wer er eigentlich ist.«
  Ein Zweiter gesellte sich dazu. Schlank, mit scharfen Gesichtszügen und einem Blick, der alles auf einmal zu erfassen schien. »Du stellst die falschen Fragen, wie immer«, sagte er trocken zu dem Grinsenden. Dann wandte er sich an den Aggressiven. »Die richtige Frage ist: Warum stehst du immer noch hier, Jinhai? Läuft es an eurem Stand so schlecht, dass du nichts mehr zu tun hast?«
  So hieß er also.
  Jinhai.
  Ein Dritter blieb etwas im Hintergrund, eine abgenutzte Laute locker über die Schulter gehängt. Sein Blick glitt interessiert über Shiro – prüfend, aber ohne Feindseligkeit – bevor er wieder zu Jinhai wanderte.
  »Lasst es gut sein«, sagte er mit einer ruhigen Autorität in sich.
  Jinhai sah von einem zum anderen. Sein Kiefer mahlte und für einen langen, gefährlichen Herzschlag schien es, als würde er dennoch den Ärger willkommen heißen. Die Luft vibrierte vor unterdrückter Wut.
   Schließlich trat Jinhai einen Schritt zurück.
  »Kümmert euch um euren eigenen Mist«, murmelte er. Sein dunkler Blick blieb noch einen letzten, brennenden Moment auf Shiro haften – eine stumme Warnung – kurz darauf drehte er sich abrupt um und verschwand in der wogenden Menge.
  Die Spannung löste sich wie ein straff gespannter Bogen, der plötzlich losgelassen wurde.
  Die Geräusche und Farben kehrten wieder zurück und der Markt explodierte in all seiner chaotischen Lebendigkeit – Rufe, Lachen, das Klappern von Metall und das süß-herbe Aroma von gebrannten Mandeln, das erneut verlockend in Shiros Nase stieg.
  Der Große mit dem Korb wandte sich ihm zu, das breite Grinsen noch immer im Gesicht, auch wenn in seinen Augen eine ehrliche Warnung lag.
  »Mit Jinhai solltest du wirklich keinen Ärger suchen«, sagte er und verlagerte das Gewicht des schweren Korbes auf seiner Hüfte. »Er hat schon so manche Prügelei hinter sich, und meistens war er derjenige, der am Ende noch stand. Der Kerl hat Ärger im Blut und wenig Geduld für Neues.« Er musterte Shiro neugierig von oben bis unten. »Wer bist du überhaupt?«
  Die beiden anderen kamen nun ebenfalls näher, offen interessiert, ohne die aggressive Distanz, die Jinhai ausgestrahlt hatte. Drei erwartungsvolle Augenpaare ruhten auf ihm.
  Oh Götter, dachte Shiro. Was soll ich sagen? Ich bin Shiro, jüngster Sohn des Kaisers, einer der Prinzen des Reiches und eigentlich ist es mir verboten hier zu sein?
  Einen Atemzug lang betrachtete er die drei jungen Männer, die ganz ungezwungen miteinander anstießen und leise lachten, als wäre der Zwischenfall mit Jinhai schon fast vergessen. Sie wirkten so … frei.
  »… hat wohl seinen Namen vergessen«, murmelte der Schlanke spöttisch.
  Shiro räusperte sich schnell. »Ich … ich bin Taro!«
   Der Name eines der jüngeren Bediensteten im Palast kam ihm gerade noch rechtzeitig über die Lippen. Er klang fremd aus seinem eigenen Mund, aber er passte.
  »Und übrigens … danke«, fügte er etwas steif hinzu. »Nicht, dass das nötig gewesen wäre.«
  »Nein, gar nicht«, lachte der mit dem Korb herzlich und winkte ab. »Ich bin Bo.« Er deutete mit dem Daumen auf den Musiker. »Das hier ist unser talentfreier Meron –«
  »Waas?!«, kam sofort ein empörtes Aufbrausen von der Seite. Meron boxte Bo spielerisch gegen die Schulter und seine Augen funkelten belustigt.
Bo grinste nur breiter und deutete schließlich auf den Schlanken. »Und hier haben wir Lian.«
  Die drei nickten Shiro feierlich zu, fast schon zeremoniell, und für einen kurzen Moment herrschte ein einvernehmliches, fast kameradschaftliches Schweigen. Sie mussten alle etwa im gleichen Alter sein – vielleicht zwanzig Jahre alt und gleichzeitig trennten sie Welten voneinander. Shiro bemerkte es deutlich: ihre schwieligen Hände, die staubige Kleidung. Die Art, wie sie selbstverständlich miteinander umgingen, während er selbst in einer gewöhnlichen Tunika steckte, die ihm mit einem Mal viel zu fein vorkam, selbst wenn sie deutlich einfacher gearbeitet war, als das, was er normalerweise trug.
  »Ich muss den Korb eben noch zum Stand meiner Nachbarin bringen«, sagte Bo schließlich und klopfte mit der flachen Hand darauf. »Danach wollten wir uns eigentlich ein paar gemütliche Stunden machen. Ein bisschen am Fluss sitzen, vielleicht ein wenig würfeln. Meron quälen, weil er wieder falsch singt …« Er grinste den Prinzen offen an. »Möchtest du dich uns vielleicht anschließen, Taro?«
   Shiro blinzelte.
  Die Frage war so leicht dahingesagt, so selbstverständlich. Kein Protokoll. Keine Verbeugungen. Keine versteckten Blicke, die seinen Rang suchten. Einfach nur eine Einladung unter Fremden.
  Ein überraschtes, echtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, das er nicht einmal zurückhalten konnte. Zum ersten Mal, seit er den Palast durch das kleine Seitentor verlassen hatte, fühlte sich etwas in seiner Brust leicht an.
  »Ja«, sagte er, ohne zu zögern. »Sehr gerne.«
 Bo lachte zufrieden und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter – eine Berührung, die Shiro unter normalen Umständen hätte zurückzucken lassen. Aber hier fühlte sie sich richtig an.
  »Dann komm mit, Taro. Willkommen bei uns Chaoten.«
  Und während sie sich zu viert einen Weg durch die Menge bahnten, das Lachen der anderen um ihn herum wie eine warme Decke, merkte Shiro, dass er heute nicht nur den Markt für sich entdeckt hatte, sondern vielleicht noch etwas deutlich kostbareres.